Nimm dir Zeit für einen Freund

Heute geht es um Freundschaften und "wahre" Freunde oder Freundinnen.

 

Vor einiger Zeit sagte eine gute Freundin von mir: Zwischenzeitlich bin ich zu alt, um Freundschaften zu pflegen, die mir nicht guttun.

Und mit was sagt sie das: Mit Recht.

Und schon sind wir bei den wichtigen Fragen: was macht wahre Freundschaft eigentlich aus? und: wie erkennen wir wahre Freunde?

 

 

Unsere Freundschaften entstehen aus unserem Netzwerk. Zum Beispiel aus unserem beruflichen Umfeld, denn oft halten wir uns den überwiegenden Teil des Tages bei der Arbeit auf. Oder wir haben sogenannte Spassfreundschaften, die aus dem Sport oder Hobbybereich kommen. Sicher können wir uns auch glücklich schätzen, wenn aus unserem engsten Familienkreis heraus Freundschaften entstehen. Blut ist dicker als Wasser. Aber sicher ist nicht jeder fröhlich und in freudiger Erwartung seine engsten Freunde zu treffen, wenn er zu einer Familienfeier geht. Ich schon :)

 

 

 

 

 

Guten Freunde erkennt man nicht daran, 

dass sie einen sofort wieder hochziehen wollen,

wenn man am Boden ist.

 

Gute Freunde setzen sich erst einmal dazu.

 

Gofeminin

Gehen wir zurück zum Hobby: Meine Friseurin zum Beispiel ist, gemeinsam mit ihrem Mann, begeisterte Golferin. Sie haben im Golfclub einen grossen Freundeskreis aufgebaut, den sie hegen und pflegen. Ich frage mich dann jedes mal, wenn sie begeistert vom letzten Spiel erzählt, was passieren würde, wenn sie aus irgendeinem Grund plötzlich nicht mehr golfen könnte. Was würde mit diesem grossen Freundeskreis passieren? 

Würde überhaupt noch einer übrig bleiben, der sie in Notsituationen oder in Krankheit aufsuchen würde und ihr die Hand reichen, um sie zu trösten oder zu unterstützen?

 

Schon Aristoteles machte einen Unterschied zwischen Nutzfreudschaften, Spassfreundschaften und intellektuellen Freundschaften. Unter den letzteren sind sicherlich die "wahren" Freunde zu finden.

 

Und wer jetzt meint, mehr als eine Handvoll "wahre" Freunde aufzählen zu können, der hat nach meiner Meinung eine falsche Auffassung von Freundschaft. Und ganz sicher werden die meisten mit dem Kopf nicken, wenn ich sage, dass auch 99% aller facebook Freundschaften nicht zu den "wahren" Freunden zählen.

 

In meiner Arbeit als psychologische Beraterin von Menschen, die in Lebensumbrüchen, Krisen oder Trauer sind, höre ich oft die Aussage, dass sogenannte alte Freunde (natürlich sind hier auch immer langjährige Freundinnen gemeint) in einer Krisensituation sich nicht mehr blicken lassen oder vor einem zufälligen Zusammentreffen in der Stadt die Strassenseite wechseln.

 

Ich weiss aber auch,  dass auf der anderen Seite Menschen darunter leiden, weil sie einst unfähig waren, einer guten Freundin in der Not beizustehen als diese um jemand Nahestehenden trauerte.

 

Wahre Freunde erkennt man, wenn man am Boden liegt.

 

Haben wir da nicht zu hohe Erwartungen an Freundschaft? Wir sagen zu einer Freundin: du kannst jederzeit vorbeikommen, wenn du Hilfe brauchst. Ich bin immer für dich da. Und dann klingelt es eines Tages (oder Nachts) und du denkst beim Türe öffnen: Mist, jetzt habe ich gerade überhaupt keine Zeit (oder keine Lust).

 

Dr. André Brie sagt dazu: Nimm dir Zeit für deine Freunde, denn sonst nimmt die Zeit dir die Freunde.

 

Ein Klient, der im letzten Sommer seine Frau beerdigen musste, sagte zu mir: "Ich komme gerne zu Ihnen. Wissen Sie, da kann ich von meiner Frau, vom Verlust, vom Erleben der Trauer auch zum 365. mal reden. Natürlich habe ich schon Freunde und auch meine Söhne sind für mich da. Aber die will ich nicht immer damit belästigen".

 

Wir wollen andere mit unseren Problemen nicht belasten. Dieser Mann will lieber nur das Schöne und das Lustige mit Freunden teilen. Aber ist es nicht genau das, was Freundschaft ausmacht. Ein Netz, einen dauerhaften Halt dem Freund zu geben, der es gerade notwendig hat?

 

80% unserer Freunde verlieren wir, wenn wir eine tödliche Krankheit haben. Da sei doch die Frage gestattet: Warum? Wir haben in unserer Gesellschaft verlernt, Zeit zu haben. Zeit für Freunde. Mal ganz abgesehen davon, dass wir das Thema Tod lieber verdrängen und möglichst anderen überlassen und davonschleichen.

 

Wir sind so eingebunden, so eingestrickt in unseren Alltag, dass vermeintlich für uns selbst keine Zeit bleibt - und dann noch für einen Freund?

 

Erwarte nie von einem Freund, dass er dir das gibt, was du ihm gegeben hast.

 

Du gibst das, was du bereit bist zu geben. Aber wenn deine Freundin, dein Freund, in einer problematischen Situation ist, wenn er unheilbar erkrankt ist oder in Trauer um einen lieben Menschen ist, dann geh - verdammt noch mal - hin zu ihm und erzähl´ ihm bloss nicht, dass Zeit alle Wunden heilt oder ähnlichen Quatsch. Das mag keiner in einer solchen Situation hören.

 

Erzähle von deiner Unsicherheit. Erzähle davon, dass es dich Überwindung gekostet hat an der Haustüre zu klingeln, weil du nicht weisst, wie du dich jetzt grad verhalten sollst und weil du nicht den leisesten Schimmer hast,  was sie oder er gerade braucht und ob du willkommen bist. Frage, ob du Zuhörer sein sollst von allem was passiert ist oder ob du einfach da sein sollst, die Hand halten und eine Runde mitheulen. Machst du das nicht bei deiner Freundin, deinem Freund, garantiere ich Dir, dass du das ein Leben lang bereuen wirst. 

 

Sei mitfühlend mit einem Freund - aber nimm nicht sein Leid auf Dich. Das ist sein Leid. Lass es bei ihm.

 

Biete deine Hilfe an - auch in ganz praktischen Dingen - geh einkaufen, wenn aus dem Hause gehen schwer fällt oder erledige einen Behördengang.

 

Einen Mensch so lassen können wie er ist. Auch das macht eine Freundschaft stark. Sich streiten, sich zusammenraufen und sich mehr mögen als vorher. Das ist wohl schon das Geheimnis einer guten Freundschaft.

  

Das Wichtigste ist bei allem was wir über Freundschaft gehört haben allerdings dies: sich selbst der beste Freund sein - denn nur dann kannst du anderen der "wahre Freund" sein. Nur wer sich selbst liebt, kann andere lieben. 

 

Trenne dich von Freunden, bei denen Du ständig das Gefühl hast, dass es anstrengend und ermüdend ist mit ihnen zusammen zu sein. Pass auf, das sind oftmals "Energieräuber". Sie brauchen Dich - weil sie einen brauchen, dem sie Energie abzapfen können. 

 

Aber du brauchst sie nicht. Du brauchst Freunde, die intellektuell auf einer Stufe mit dir sind. Freundschaften, die es dir leicht machen, auszusprechen, was dich bewegt. Freundinnen, die du gerne in die Arme schliesst - einfach so oder weil es dich bewegt, was sie gerade durchmachen oder auch mit ihnen das Glück feierst, das sie gerade erfahren.

 

Freundschaften, wo es keinen Neid, keinen Geiz und keine Missgunst gibt. Freunde, bei denen du dich nicht 5x entschuldigen musst, weil du lange nichts hast von dir hören lassen > and by the way: das Telefon hat zwei Enden :)

 

Wer keinen echten Freund hat, ist einsam. Freundschaften halten uns gesund und manchmal auch auf Trab. Echte Freunde aber sind immer eine Bereicherung für unser Leben. Geh achtsam mit ihnen um, denn sie sind wertvolle Geschenke. 

 

Nimm dir die Zeit, die du heute für einen Freund brauchst, der dich braucht. Das, was du heute gibst, wird tausendfach zu dir zurückkommen. 

 

Ich grüsse dich - in Freundschaft

 

Falls Du Hilfe zu diesem Lebensthema brauchst, kontaktiere mich hier 

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